Ruhrverband, Stadt Essen, Weisse Flotte Baldeney und IG Baldeney beraten zur aktuellen Wasserpflanzensituation am Baldeneysee
Auf Einladung des Ruhrverbands haben sich Vertreterinnen und Vertreter der Stadt Essen, der Weissen Flotte Baldeney sowie der IG Baldeney zu einer gemeinsamen Fachkonferenz zur aktuellen Entwicklung der submersen Makrophyten im Baldeneysee getroffen. Hintergrund ist die derzeit stark ausgeprägte Wasserpflanzenentwicklung im See, die zu erheblichen Einschränkungen für den Wassersport führt.
Auslöser der Beratungen war die Verlegung der Deutschen Junioren- und Jahrgangsmeisterschaften im Rudern, die ursprünglich vom 25. bis 28. Juni 2026 am Baldeneysee vorgesehen waren und nun aufgrund der Vegetationsentwicklung auf den Elfrather See in Krefeld ausweichen mussten.
Im Mittelpunkt der Konferenz standen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse, die Bewertung der ökologischen Situation sowie operative Fragen des Gewässermanagements und der Mähstrategie.
Die Sitzung wurde durch Markus Rüdel, Pressesprecher des Ruhrverbands, eröffnet, der die aktuelle Lage im Baldeneysee detailliert einordnete. Die unter Wasser wachsenden Pflanzen werden derzeit in großen Teilen des Sees vor allem vom Laichkraut bestimmt. Die Wasserpest (Elodea nuttallii), die in den vergangenen Jahren häufiger Probleme verursacht hat, kommt aktuell dagegen nur noch vereinzelt vor. Trotz der geringeren Präsenz der Elodea stelle die aktuelle Entwicklung das Gewässermanagement vor neue Herausforderungen. Insbesondere die morphologischen Eigenschaften des Laichkrauts führten zu erheblichen technischen Schwierigkeiten im Mähbetrieb, da sich das Schnittgut stark verhake und die Transport- und Fördersysteme der Mähboote deutlich stärker beanspruche.
Dr. Christina Meinert-Berning, Gruppenleiterin Mikrobiologie & Stillgewässer im Kooperationslabor von Ruhrverband und EGLV, ergänzte die Einordnung aus biologischer Perspektive. Sie hob den Zielkonflikt zwischen ökologischem Nutzen der Makrophytenbestände und den Anforderungen der sportlichen Nutzung hervor. Makrophyten seien zentrale Bestandteile eines stabilen Stillgewässerökosystems, gleichzeitig entstünden bei hoher Biomasse ausgeprägte Nutzungskonflikte insbesondere im leistungsorientierten Wassersport.
Eine vertiefte wissenschaftliche Bewertung präsentierte Dr. Klaus van de Weyer von der Firma lanaplan. Er ist Gewässerökologe und Gutachter und Sachverständiger für Wasser- und Sumpfpflanzen und führte die außergewöhnliche Entwicklung der Vegetation auf eine Kombination günstiger Umweltbedingungen im Jahr 2026 zurück. Eine ausgeprägte Schönwetterphase mit hohen Temperaturen, geringen Abflüssen sowie eine niedrige mineralische Trübung hätten zu einer erhöhten Lichtverfügbarkeit geführt. Verstärkt worden sei dieser Effekt durch niedrige Chlorophyllkonzentrationen und ein ausgeprägtes Klarwasserstadium im Frühjahr. Diese Bedingungen hätten optimale Wachstumsbedingungen für submerse Wasserpflanzen geschaffen.
Das aktuell dominierende Laichkraut, ein Hybrid aus Potamogeton crispus und Potamogeton friesii, weise zudem eine hohe Konkurrenzkraft auf und könne unter günstigen Bedingungen Massenbestände ausbilden. Warum sich diese Art mit einem Anteil von über neunzig Prozent gegenüber der zuvor dominierenden Wasserpest durchgesetzt habe, sei derzeit wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Aufgrund des Vorkommens eines hybriden Laichkrauts, das in der Literatur bisher nicht beschrieben ist, wären Prognosen über den weiteren Wachstumsverlauf in diesem Jahr oder gar für die Wassersportsaison 2027 unseriös.
Steffen Quast, stellv. Betriebsstellenleiter Stauseen, Ruhrverband, berichtete aus dem operativen Mähbetrieb. Grundsätzlich sei das Laichkraut mähbar. Die Anpassungen im Betrieb, insbesondere langsamere Fahrgeschwindigkeiten und optimierte Fördertechnik, hätten sich bewährt. Die Zusammenarbeit mit der Stadt Essen funktioniere sehr gut, die bestehende Infrastruktur mit zwei Mähbooten und mobilem Entladepunkt sei weitgehend ausgelastet.
Gleichzeitig sei das Laichkraut jedoch deutlich anspruchsvoller in der Handhabung als die bisher dominierende Wasserpest. Es führe zu erhöhtem Wartungsaufwand und einer stärkeren Beanspruchung der Mähboottechnik. Insgesamt befinde sich die Situation zwar im beherrschbaren Bereich, die logistischen und personellen Kapazitäten seien jedoch nahezu vollständig ausgeschöpft. Für die Zukunft sei eine Optimierung der Mähstrategie vorgesehen, unter anderem durch Airborne Monitoring, satellitengestützte Erfassung von Makrophyten sowie datenbasierte Früherkennungssysteme.
Im Rahmen der Diskussionen wurde zudem die Dynamik im Anschluss an Mähvorgänge thematisiert. Boris Orlowski von der Weissen Flotte Baldeney wies darauf hin, dass sich innerhalb weniger Tage nach dem Mähen erneut deutliche Vegetationsentwicklungen zeigen.
Hans-Walter Fink von der IG Baldeney betonte aus Sicht der Wassersportvereine die erhebliche Belastung für den Trainings- und Wettkampfbetrieb am Baldeneysee. Er appellierte vehement an alle Beteiligten, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sowohl internationale und nationale Wettkämpfe als auch der Freizeitsport weiterhin am Standort Essen möglich bleiben.
In der anschließenden Einordnung stellte Ruhrverbands-Vorstandsvorsitzender Prof. Dr. Christoph Donner klar, dass der Baldeneysee als aquatisches Ökosystem einer komplexen ökologischen Dynamik unterliege. Eingriffe, wie Sedimententnahmen oder Umlagerungen, müssten vor dem Hintergrund möglicher ökologischer Risiken sehr kritisch bewertet werden, da sie das bestehende System nachhaltig destabilisieren könnten. Im Übrigen zeigte die Sedimententnahme am Harkortsee im Jahr 2001, dass dadurch kein Wasserpflanzenwachstum vermieden werden kann. Ein verstärkter Mähbetrieb könnte auch nur dann realistisch umgesetzt werden, wenn eine finanzielle Beteiligung der ansässigen Wasserportvereine erfolge. Er verwies auf die übergeordneten Entwicklungen in Talsperren und Stauseen, die zunehmend durch Klimawandel, invasive Arten und die Rückkehr heimischer Arten geprägt seien. Diese Veränderungen führten zu neuen Nutzungskonflikten zwischen Wassersport, Freizeit, Naturschutz und wasserwirtschaftlichen Funktionen. Zukünftig sei es erforderlich, stärker von einer reaktiven Problembearbeitung hin zu einem strategischen Management ökologischer Transformationen zu gelangen, das unterschiedliche Interessen systematisch zusammenführt.
Abschließend betonte Simone Raskob, Geschäftsbereichsvorständin Geschäftsbereich 6, Umwelt, Verkehr und Sport der Stadt Essen, die Notwendigkeit einer kurzfristig tragfähigen Strategie, um anstehende sportliche Großveranstaltungen abzusichern.
Weitere biologische Untersuchungen, darunter Tauchgänge im Juli 2026, sind bereits vorgesehen. Alle Beteiligten erklärten ihre Bereitschaft zum engen und fortlaufenden Austausch. Die Konferenz verlief in konstruktiver Atmosphäre und unterstreicht die enge Kooperation zwischen Ruhrverband, Stadt Essen und den Wassersportakteuren am Baldeneysee.