Ruhrgütebericht 2006

"Die Ergebnisse der jährlich 13.400 Wasser- und Feststoffproben aus der Ruhr, den Kläranlagenabläufen und den Klärschlämmen werden in dem nun zum 34.-mal erscheinenden Ruhrgütebericht detailliert und transparent der Öffentlichkeit vorgestellt.

Sie belegen, dass die Ruhrwasserqualität in 2006, dem ersten Jahr nach dem mehr als 10 Jahre andauernden großen Kläranlagenausbauprogramm, erneut eine deutliche Steigerung gegenüber dem Vorjahr erfahren hat. Davon auszunehmen ist allerdings PFT, welches durch kriminelle Handlungen ins Ruhrwasser gelangt ist, dessen Werte aber deutlich unter den relevanten Werten der Trinkwasserverordnung liegen", erläutert Professor Harro Bode, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands.

"Die Wasserwerke an der Ruhr liefern stets einwandfreies Trinkwasser, welches allen Anforderungen der WHO, der Europäischen Union, der deutschen Trinkwasserverordnung und den Empfehlungen der Trinkwasserkommission entsprach und auch weiterhin entsprechen wird. Über höhere Anforderungen an das Trinkwasser oder die Ablaufqualität von Kläranlagen hat der Gesetzgeber zu entscheiden. Hierzu müssten zunächst Wissenschaftler ihre bisherige Einschätzung ändern und bestimmte Stoffkonzentrationen für bedenklich erklären. Die Betreiber stehen der Politik beratend zur Seite, indem sie das technisch Machbare und die damit verbundenen Kosten für die Bürgerinnen und Bürger aufzeigen. Jede Abkehr vom Verursacherprinzip geht zu Lasten des Portmonees jedes Einzelnen", bezieht Hansjörg Sander Stellung zur aktuellen Diskussion.

Organische Belastung, Nährstoffe und Sauerstoffhaushalt
Die organische Belastung, gemessen an den Kenngrößen CSB (chemischer Sauerstoffbedarf), TOC (total organic carbon) und BSB5 (Biologischer Sauerstoffbedarf), befindet sich bereits seit Jahren auf einem erfreulich niedrigen Niveau und nimmt weiter ab. Herausragende Verbesserungen konnten erneut bei der Stickstoffbelastung erzielt werden. Beispielsweise ging unterhalb der Einleitung des Klärwerks Hagen der Jahresmittelwert für Ammonium-Stickstoff in der Ruhr von 0,24 mg/l auf 0,07 mg/l zurück. Ursache für diese erfreulich drastischen Konzentrationsabnahmen ist die Fertigstellung des weit über eine Milliarde Euro teuren Kläranlagenausbauprogramms zum Jahresende 2005. An der Probenahmestelle Essen-Rellinghausen offenbart der abflussnormierte Frachtvergleich von 1993/94 mit 2006 einen Rückgang beim Phosphor von 37 % und beim Ammonium-Stickstoff von sogar 80 %. Durch die geringere Nährstoffbelastung ging auch das Algenwachstum in den gestauten Abschnitten der Ruhr weiter zurück. Demzufolge konnte, wie schon im Vorjahr, auf eine vorsorgliche künstliche Gewässerbelüftung über die Wehre von Baldeney- und Kettwiger See gänzlich verzichtet werden. Dies ist eine beachtliche Verbesserung gegenüber früheren Jahren und kann als positiver Durchbruch bezeichnet werden.

Der Rückgang der Nährstoffbelastung spiegelt sich auch in der Gewässergüteklassifizierung nach dem Saprobiensystem für die untere Ruhr im Bereich der Stadt Hattingen wieder. Hier kann eine Verbesserung von Güteklasse II bis III hin zu Güteklasse II festgestellt werden.

Spurenstoffe
Im Hinblick auf die Nutzung des Ruhrwassers zur Trinkwassergewinnung wird dessen Belastung mit gefährlichen Stoffen besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Im Ruhrgütebericht wird bereits seit Jahren über Spurenstoffe berichtet. Routinemäßig werden derzeit rund 200 organische Spurenstoffe in der Ruhr untersucht (Übersicht S. 63). Trotz der vielseitigen Nutzung des Ruhrwassers kommen nur einige aus der Vielzahl der untersuchten Stoffe in Konzentrationsbereiche, die eine Erwähnung verdienen. Dazu gehören der ubiquitär verbreitete Komplexbildner EDTA und der vor allem bei der Papierherstellung verwendete Komplexbildner DTPA. Bei den Pflanzenbehandlungs- und Schädlingsbekämpfungsmittel wurden lediglich für Mecoprop, MCPA und Bentazon vereinzelt Befunde knapp oberhalb von 0,1 µg/l (Millionstel Gramm pro Liter) gemessen. Der vor wenigen Jahren noch dominierende Wirkstoff Diuron ging stark zurück und blieb stets unter 0,1 µg/l.

Chlorierte phosphororganische Flammschutzmittel gelangen aus verschiedenen Quellen in die Oberflächengewässer. Sie werden bei den an der Ruhr eingesetzten Wasseraufbereitungsverfahren nachhaltig entfernt. Daher stellen sie keine Gefährdung der Trinkwasserqualität dar. Ökotoxikologisch gelten die auftretenden Konzentrationen als völlig unbedenklich. Von den untersuchten Arzneimittelwirkstoffen traten Bezafibrat, Diclofenac, Sotalol, Metoprolol und vor allem Carbamazepin in geringfügig höheren Werten auf. Wie andere Untersuchungen zeigen, kann es nicht ausgeschlossen werden, dass einzelne Vertreter dieser Substanzklassen, wie Carbamazepin oder Röntgenkontrastmittel trotz einer optimierten Wasseraufbereitung in Spuren auch im Trinkwasser nachzuweisen sind. Diese Stoffspuren sind nach Einschätzung der Aufsichtsbehörden unerwünscht, aber gesundheitlich nicht relevant und somit im Trinkwasser völlig unbedenklich.

Kläranlagenablaufkonzentrationen besser als im NRW- und Bundesdurchschnitt Ende 2005 hat der Ruhrverband das über 15 Jahre andauernde, 1,6 Milliarden Euro teure Kläranlagenausbauprogramm beendet. Hierdurch haben die Ablaufmittelwerte der Kläranlagen insbesondere beim anorganischen Stickstoff mit 6,70 mg/l und beim Gesamtphosphor mit 0,51 mg/l ein sehr niedriges Konzentrationsniveau erreicht, wie der DWA- (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V.) Leistungsvergleich beweist.

"Die von den Behörden festgesetzten Überwachungswerte werden bei den Parametern CSB um 55 %, Phosphor um 50% und anorganischem Stickstoff um 53 % unterschritten. Die gemessenen Unterschreitungen belegen eindrucksvoll den außerordentlich hohen Leistungsstand der Ruhrverbandskläranlagen, der auch dadurch zustande kommt, dass sich die Trinkwasserwerke traditionell an der Finanzierung zusätzlicher freiwilliger Klärmaßnahmen beteiligen", erklärt Professor Harro Bode.

PFT-Skandal an der Ruhr

Die PFT-Belastung [Perfluorierte Tenside als Summe der Verbindungen Perfluoroktansäure (PFOA) und Perfluoroktansulfonsäure (PFOS)] von Möhne und Ruhr, verursacht durch illegale Abfallentsorgung, hat aktuell wieder eine erhebliche Resonanz in den Medien gefunden. Durch intelligente Steuerung der Wasserabgabe von belasteter Möhne- und unbelasteter Henne- sowie Sorpetalsperre ab Anfang Juli 2006 gelang es dem Ruhrverband, unterhalb des Zusammenflusses von Möhne und Ruhr bei Bachum eine PFT-Konzentration von 250 ng/l durchgängig zu unterschreiten, was den Trinkwasserversorgern an der Ruhr die Einhaltung des laut deutscher Trinkwasserkommission für einen lebenslangen Trinkwassergenuss tolerablen Konzentrationswertes von 300 ng/l garantierte.

Die Sanierung des durch PFT verseuchten Ackers in Brilon-Scharfenberg führt zu abnehmenden PFT-Konzentrationen in der Möhnetalsperre. Am 20. August 2007 lag die PFT-Konzentration in der Möhnetalsperre erstmals unter 300 ng/l. Dennoch muss die PFT-Belastung der Ruhr auch heute noch als erhöht bezeichnet werden, weil es immer noch kontaminierte Flächen im Einzugsbereich von Möhne und oberer Ruhr gibt. Gleichwohl bleibt die PFT-Belastung der unteren Ruhr nunmehr meist sogar unter dem angestrebten Zielwert für Trinkwasser von 100 ng/l, der bei einem Drittel des lebenslang tolerablen Wertes von 300 ng/l und bei einem Fünfzigstel dessen liegt, was die Trinkwasserkommission für einen zeitlich begrenzten Maximalwert bei Trinkwasser für Erwachsene zulässt (5000 ng/l).

Durch die hohe Anzahl der PFT-Untersuchungen ist es mittlerweile möglich, eine PFT-Frachtbilanz für die Messstelle Ruhr bei Essen für das Jahr 2007 zu erstellen. Demnach bilden kontaminierten Flächen mit einem Anteil von zwei Dritteln die Hauptbelastungsquelle. Der Rest geht auf die Einleitungen in kommunale Kanalisationsnetze aus Industrie und Haushalt zurück, die letztlich über die Kläranlagen in die Ruhr gelangen und liegt damit am unteren Rand des für deutsche Flüsse, wie z. B. den Rhein, üblichen Konzentrationsbereiches.

Als derzeitiges Zwischenfazit zum Thema PFT stellt Professor Harro Bode fest: "Aufgrund unverantwortlicher krimineller Machenschaften Einzelner wurde eine Bedrohung der Umwelt und der Trinkwasserversorgung verursacht, der durch technische und administrative Maßnahmen umgehend, gezielt und effektiv begegnet wurde. Das System der Ruhrwasserwirtschaft hat sich auch unter dieser Belastung als flexibel und sicher erwiesen."

Der aktuelle Ruhrgütebericht steht unter www.ruhrverband.de im Bereich Presse/Publikationen zum Download bereit.