Ruhrgütebericht 2005

"Das Chemisch-biologische Laboratorium des Ruhrverbands entnimmt jährlich 13.400 Wasser- und Feststoffproben aus der Ruhr, den Kläranlagenabläufen und den Klärschlämmen.

An diesen Proben werden insgesamt 255.000 Bestimmungen durchgeführt. Die Ergebnisse werden der Öffentlichkeit in dem seit 33 Jahren jährlich erscheinenden Ruhrgütebericht transparent dargestellt", erläutert Professor Harro Bode, Vorstandsvorsitzender des Ruhrverbands.

Durch den weiteren technischen Ausbau der Kläranlagen hat sich die saprobiologische Gewässergüte der Ruhr in den letzten 30 Jahren in ganz erheblichem Maße verbessert. Dennoch ist die Wasserqualität der Ruhr durch die Aufbringung von PFT (perfluorierte organische Tenside) belastetem Dünger auf landwirtschaftliche Flächen in den letzten Monaten in die Kritik geraten. Derartige Verschmutzungen im Konzentrationsbereich von Milliardstel Gramm, die erst durch neueste Analysentechniken nachgewiesen werden können, werfen neue Frage- und Aufgabenstellungen auf.
"Die Trink- und Abwasseraufbereitung darf dadurch aber nicht zum Reparaturbetrieb für "Umweltsünden" zu Lasten der zahlenden Bürger werden. Es geht auch im Interesse des Gewässerschutzes darum, schädliche Einträge zu vermeiden. Schädliche Chemikalien (z. B.: PFT) dürfen nicht in Verkehr gebracht und belastete Abfälle nicht auf landwirtschaftliche Flächen ausgebracht werden", fordert Hansjörg Sander, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Wasserwerke an der Ruhr (AWWR).

Rückgang der Nitratgehalte und Schwermetallbelastung auf sehr niedrigem Niveau
Die intensivste Überwachung an der Ruhr findet seit mehr als 80 Jahren an der Probenahmestelle Essen-Rellinghausen ("Zornige Ameise") statt. Die dort entnommenen Stichproben (3 pro Woche) werden auf bis zu 160 Kenngrößen untersucht. Die Konzentrationen der organischen Summenparameter (CSB, TOC, BSB5, AOX) blieben unter den Vorjahreswerten. Während sich die Konzentrationen des Nährstoffs Phosphor auf einem sehr niedrigen Wert um 0,1 mg/l stabilisiert haben, nahmen die Nitratgehalte, insbesondere auch im Winterhalbjahr, weiter ab. Im Abstand von 4 Wochen werden an 12 Stellen entlang des Fließwegs der Ruhr Untersuchungen durchgeführt. Hierbei wurde festgestellt, dass die Schwermetallbelastung der Ruhr ein sehr niedriges Niveau erreicht hat, welches kaum noch verbessert werden kann.

Geringeres Algenwachstum in den Ruhrstauseen
Der Rückgang des Algenwachstums in den gestauten Abschnitten der Ruhr setzte sich fort. Die Chlorophyllwerte bei Essen-Rellinghausen zeigten die niedrigste Algenbelastung seit 1971 an. Auch im Baldeneysee kam es nur zu geringem Algenwachstum und in der Folge zu geringerer Produktion von im Wasser schwebenden tierischen Organismen. Daher traten keine kritischen Sauerstoffkonzentrationen mehr auf und auf eine künstliche Belüftung konnte im Berichtszeitraum verzichtet werden.

Massenwachstum von Wasserpflanzen
Das Phänomen der Massenentwicklung von Elodea, aber auch anderer höherartiger Wasserpflanzen, in den Ruhrstauseen Hengstey, Harkort und Kemnade, trat auch im Jahr 2005 in unvermindertem Ausmaß wieder auf. Der noch intensivierte Einsatz von Mähbooten brachte nicht den gewünschten Erfolg, die Entnahmen durch die Mahd wurden in kürzester Zeit wieder ausgeglichen. Ein Mittel zur Verringerung der Elodea-Bestände ist, möglicherweise durch den Einsatz von Fischen (Rotfedern) zu erzielen, die sich bevorzugt von dieser Pflanzenart ernähren.

Erstaunlicherweise konnte im laufenden Jahr nur ein sehr geringes Wachstum der Elodea beobachtet werden. Vermutlich ist dies gegebenenfalls neben natürlichen Feinden (u. a. Rotfeder) auf den langen, kalten Winter in Kombination mit hohen Abflüssen im Mai, zu Beginn der Wachstumsperiode, zurückzuführen.

Die neue Gewässergütekarte dokumentiert weitere Verbesserungen
Der Oberlauf der Ruhr bis zum Zusammenfluss mit der Neger weist nun die Güteklasse I (die Beste) auf. Im weiteren Flussverlauf bis Bestwig-Velmede ist, aufgrund der abwassertechnischen Maßnahmen, die Güteklasse I bis II erreicht. Primär der Neubau der Kläranlage Sundern führte zur Einstufung der Röhr in Güteklasse II. Im Oberlauf der Lenne hat sich die Gewässergüte von Klasse I bis II auf Klasse I nochmals verbessert.

Untersuchung "gefährlicher Stoffe"
Im Rahmen der Ruhrlängsuntersuchungen werden die Wasserproben auf knapp 200 unterschiedliche Verbindungen analysiert. Bei den Pflanzenbehandlungsmitteln beschränken sich die positiven Befunde auf wenige Wirkstoffe, von denen das Totalherbizid Diuron, wie schon in den Vorjahren, die größte Bedeutung besitzt. Der AWWR-Zielwert von 0,05 µg/l (90?Perzentil) wurde jedoch nicht überschritten. Ingesamt bestätigte sich die rückläufige Belastungstendenz bei diesem Wirkstoff. Bei den überwiegend als Weichmacher verwendeten Phthalaten nimmt das weltweit verbreitete DEHP mit einer mittleren Konzentration in der unteren
Ruhr von etwa 0,2 µg/l die erste Stelle ein.

Glyphosat-Monitoring
Glyphosat findet in den letzten 15 Jahren in Deutschland eine weite Verbreitung als Herbizid in der Landwirtschaft und bei Vegetationskontrollmaßnahmen (z.B. Eisenbahngleise). Um die Relevanz für die Trinkwasserversorgung zu bewerten, wurde von der AWWR in Kooperation mit dem Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen (LUA) ein einjähriges Monitoring von April 2005 bis März 2006 durchgeführt. Obwohl Glyphosat und sein Abbauprodukt AMPA in Oberflächengewässern nachgewiesen werden konnten, besitzen beide Verbindungen keine Relevanz für die Trinkwasserversorgung, da die naturnahe Aufbereitung durch die Bodenpassage eine effiziente Entfernung gewährleistet. Eine weitere routinemäßige Bestimmung dieser Parameter ist nicht erfordelich.

EU-Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)
Die europäische Wasserrahmenrichtlinie ist für den Schutz der Wasserressourcen die wichtigste Richtlinie, die die EU bislang erlassen hat. In einem gemeinsamen Positionspapier mit anderen europäischen Wasserversorgern fordert die AWWR den Vorrang der Trinkwassergewinnung vor allen anderen Gewässerbenutzungen. "Renaturierungsmaßnahmen und der Schutz von Ökosystemen dürfen die Belange der Trinkwasserversorgung nicht beeinträchtigen; einfache, naturnahe Aufbereitung mittels Ufer- und Sandfiltration erfordere einen entsprechend weitreichenden Gewässerschutz", erläutert Hansjörg Sander.

Für das kommende Jahr werden die Gewässeruntersuchungsprogramme des Ruhrverbands im Hinblick auf die Erfordernisse des Monitorings gemäß EU-Wasserrahmenrichtlinie angepasst. Insbesondere ist mit der staatlichen Umweltverwaltung vereinbart worden, sich dieses Monitoring paritätisch aufzuteilen. Die gewählte Art der Kooperation stellt sicher, dass beide Seiten die Bewertungskompetenz für die Gewässer vor Ort behalten. Es wird insgesamt eine Aufwandsminimierung erwartet.

Kläranlageninvestitionen zahlen sich aus
Ende 2005 hat der Ruhrverband das über 15 Jahre andauernde, 1,6 Milliarden Euro teure Kläranlagenausbauprogramm beendet. Hierdurch haben die Ablaufmittelwerte der Kläranlagen insbesondere beim anorganischer Stickstoff mit 7,70 mg/l und beim Gesamtphosphor mit 0,52 mg/l ein sehr niedriges Konzentrationsniveau erreicht, wie der DWA- (Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e.V.) Leistungsvergleich beweist.
"Weitere Verbesserungen in der Oberflächenwasserbeschaffenheit sind – zumindest beim Stoffeintrag über Abwasser – nur noch mit sehr hohem technischen und finanziellen Aufwand zu realisieren", erklärt Professor Harro Bode.

Neue AWWR-Zielwerte
Im Jahr 2005 wurden die Zielwerte für die Qualität der Ruhrwassers neu definiert. Sie wurden sowohl im Internet als auch als Druckerzeugnis publiziert. Das vom AWWR-Ausschuss Wassergüte entwickelte Zielwerte-Konzept berücksichtigt insbesondere die für die Trinkwasserversorgung wichtigen Parameter und Anforderungen. Das zu untersuchende Spektrum an Pflanzenschutzmitteln wurde im Rahmen der Kooperation zwischen der Landwirtschaft und der AWWR auf die aktuellen Verhältnisse angepasst. Die neue Parameterliste findet ebenfalls die Zustimmung der zuständigen Überwachungsbehörden. Sie ist Basis für die Roh- und Trinkwasserüberwachung.

"Die AWWR dokumentiert mit diesen Aktivitäten ihren Willen, zusätzlichen Eintragsquellen und Belastungen des Rohwasser frühzeitig entgegenzutreten und der Reinhaltung des Ruhrwassers zum Schutz der Trinkwasserkonsumenten Priorität einzuräumen. Diese Zielsetzung wird auch durch die am vergangenen Freitag unterzeichnete "Arnsberger Vereinbarung" zwischen dem Ministerium für Umwelt und Naturschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz NRW und der AWWR eindrücklich belegt ", so Hansjörg Sander.

Anzahl der Gewässerverunreinigungen ging zurück
Im Jahr 2005 wurden nur 7 Gewässerverunreinigungen gemeldet. Das sind 40 % weniger als im Vorjahr und fast 60 % weniger als im letzten Jahrzehnt. Knapp die Hälfte ging auf Öl- und Kraftstoffe und rund 30 % auf Industriechemikalien zurück. Bei der Detektierung der Gewässerverunreinigungen haben sich die automatischen Gewässerüberwachungsstationen sehr bewährt. Erfreulicherweise war bei allen Verschmutzungsvorfällen die Trinkwassergewinnung nicht beeinträchtigt.

PFT-Belastung
Während der vorliegende Ruhrgütebericht erarbeitet wurde, lag das Hauptaugenmerk der mit der Ruhrgüte befassten Ruhrverbandsmannschaft auf den aktuellen Verunreinigungen des Ruhreinzugsgebietes mit perfluorierten organischen Tensiden (PFT). Ende Mai 2006 wurden Untersuchungen des Institutes für Hygiene und öffentliche Gesundheit der Universität Bonn bekannt, in denen erhöhte PFT-Konzentrationen im Oberlauf der Ruhr und insbesondere in der Möhne festgestellt wurden. Die derzeitigen Erkenntnisse über PFT sind zum Teil noch bruchstückhaft und das sich ergebende Bild muss laufend korrigiert werden.

Bezugnehmend auf die aktuelle Situation erläutert Hansjörg Sander: "Auf den derzeitigen PFT-Störfall an Möhne und Ruhr haben die Wasserwerke mit sofort aktivierter Aufbereitungstechnik reagiert. Das Trinkwasser entspricht den Vorgaben der Gesundheitsbehörden, der gesundheitlich unbedenkliche Leitwert von 0,3 Millionstel Gramm pro Liter wird sicher eingehalten, sogar häufig deutlich unterschritten."

"Die Belastung der Möhne mit PFT führt uns nochmals deutlich vor Augen, wie wichtig das Monitoring der Oberflächengewässer für die Umwelt und die Trinkwasserversorgung ist. Das Landesumweltamt NRW, die AWWR und der Ruhrverband führen seit Juni 2006 - zusätzlich zu den Standarduntersuchungen - ein, gezielt auf die PFT-Belastung der Ruhr und ihrer Nebengewässer abgestimmtes, Gewässermonitoring durch. Im nächsten Ruhrgütebericht wird ausführlich über die daraus gewonnenen Erkenntnisse und die durchgeführten Maßnahmen berichtet", erläutert Professor Harro Bode.